VERBORGENE ANFÄNGE
DIE FRÜHE TRACHT IM SCHAUMBURGER LAND
Ausstellung vom 8. Mai 2026 bis zum 30. April 2027
Verborgene Anfänge – Die frühe Tracht im Schaumburger Land ist ein Projekt, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur
sowie von der VolkswagenStiftung gefördert wird. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Materielle Kultur der Carl von Ossietzky Universität
Oldenburg erhielt das Museum Bückeburg den Zuschlag im Förderprogramm Pro*Niedersachsen 2022/2023 – „Kulturelles Erbe – Forschung und
Vermittlung in ganz Niedersachsen“. Dieses Förderprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur richtet sich gezielt
an kleinere Kultureinrichtungen, die sich mit der Erforschung des kulturellen Erbes Niedersachsens befassen und dieses einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich machen.
Als eines der ältesten Museen im Weserraum bewahrt das Museum Bückeburg seit seiner Gründung im Jahr 1890 eine umfangreiche Sammlung
zur Kultur- und Landesgeschichte des ehemaligen Fürstentums Schaumburg-Lippe. Ein zentraler Bestandteil dieser Sammlung ist die
Schaumburger Tracht. Besonders hervorzuheben ist die außergewöhnlich große Anzahl früher Trachtenstücke, die in diesem Umfang einzigartig ist
und im Mittelpunkt des Projekts stand. Zudem konnten ausgewählte, besonders gefährdete Objekte fachgerecht restauriert werden, ein wichtiger
Beitrag zu ihrem langfristigen Erhalt.
Der wissenschaftliche Schwerpunkt lag auf der Untersuchung der früh datierbaren und seltenen Objekte der Trachtensammlung. Die gewonnenen
Forschungsergebnisse flossen in die Konzeption einer Sonderausstellung ein, die derzeit anschaulich im Museum Bückeburg präsentiert wird. Ein
weiterer positiver Aspekt war die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Materielle Kultur der Universität Oldenburg, durch die auch
Studierende aktiv in die Forschungsarbeit eingebunden werden konnten. Ein herzlicher Dank gilt den beteiligten Lehrenden, insbesondere Frau
Prof. Dr. Stefanie Samida und Frau Dr. Klara von Lindern, für die konstruktive, engagierte und kollegiale Zusammenarbeit.
Dr. Anke Twachtmann-Schlichter, Museum Bückeburg
Museum Bückeburg
Lange Straße 22| 31675 Bückeburg
Tel. 0 57 22 / 48 68
info@museum-bueckeburg.de
Prunk, Pracht & Kleiderordnungen
Schon im 16. Jahrhundert führten einzelne Räte im Schaumburger Land Verordnungen ein, um die Landbevölkerung zu verpflichten, auf
überflüssigen Schmuck und Pracht in ihrer Kleidung zu verzichten. Einer der Gründe hierfür war die hohe Verschuldung zahlreicher bäuerlicher
Betriebe, die sich bis ins späte 19. Jahrhundert fortsetzte. Im Jahr 1769 wiesen im Amt Bückeburg 328 von insgesamt 565 Hofstellen
Verbindlichkeiten auf.
Laut Obrigkeit waren diese Verschuldungen selbst verursacht, und zwar durch zu üppige Lebensweise, liederlichen Lebenswandel, unnötiges
Prozessieren und zu großen Aufwand an Kleidung und Hausgerät. Die hohen feudalen Abgaben und Dienste, welche die Bauern für den
Landesherren zu leisten hatten, fanden hingegen keine Erwähnung.
1769 wurde erstmals eine weitreichende Sparsamkeitsverordnung erlassen. Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe verfügte, dass sämtliche
Untertanen auf dem Land keine Kleidung oder Kopfbedeckungen aus Gold oder Silber verwenden dürften. Auch Stoffe, die teurer als 9 Groschen
pro Elle waren, sowie Tücher, deren Elle über einen Reichstaler kosteten, waren verboten. Bei Verstößen drohte die Beschlagnahmung der
unerlaubten Materialien.
Am 1. Januar des darauffolgenden Jahres wurde die Verordnung für alle Landbewohner bestätigt und erweitert. Es wurde ausdrücklich verboten,
Kleidung oder Accessoires aus Gold, Silber, gesponnenem Edelmetall, Spitzen, Seide oder Halbseide oder Samt zu verwenden. Personen, die solche
Besitztümer besaßen, durften diese noch anderthalb Jahre lang tragen, jedoch keine neuen Anschaffungen tätigen.
Die Schaumburger Tracht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Zunächst war Tracht ein allgemein gültiger Begriff für Kleidung. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Kleidung der ländlichen Bevölkerung
unter dem Namen Volkstrachten kategorisiert. Diese Perspektive war nicht zuletzt dem romantischen Zeitgeist geschuldet: Die durch die
Industrialisierung beschleunigten und als bedrohlich wahrgenommenen gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche lenkten das Interesse auf
vermeintlich beständige und kontinuierliche Elemente der Kultur. Heute werden die Trachten aus Bückeburg, Lindhorst, Frille, Holtrup, Bad
Nenndorf und Apelern unter dem übergeordneten Begriff „Schaumburger Trachten“ zusammengefasst.
In der Zeit vor 1870 jedoch waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Varianten längst nicht so ausgeprägt wie in späteren Jahren.
Charakteristische Merkmale – etwa der rote Rock, die eindrucksvolle Flügelhaube, kunstvoll bestickte Schürzen und Tücher sowie reich verzierte
Perlenhandschen – hatten damals noch nicht die heute bekannten Formen. Stattdessen wurden die guten Sonntagsschürzen bei
Blaudruckern in Auftrag gegeben, und an den Handgelenken trugen die Frauen schmale, geknöpfte Manschetten, sogenannte "Mauen".
Eine Tracht – viele Anlässe
Die Kirche prägte lange den Alltag der Menschen. Alle Gottesdienste, Sakramente, Fest- und Trauerzeiten hatten ihre zugehörige Kleidung. Die
Abendmahlstracht galt als wichtigste Tracht und begleitete die Menschen durch ihr Leben. Sie wurde zum ersten Mal zur Konfirmation getragen,
danach trug man sie neben dem Abendmahl an den höchsten Festtagen wie Karfreitag, Buß- und Bettag, Ostern, Neujahr, Pfingsten und
Weihnachten sowie bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Zur Hochzeit wurde sie zudem schmuckvoll erweitert, wobei sie nach der kirchlichen
Trauung gegen andere Kleidung ausgetauscht wurde. Aus Frille ist keine spezielle Kleidung für Braut oder Taufpatinnen überliefert; vermutlich trug
die Braut dort ihre Abendmahlskleidung zusammen mit der blauen Jungfrauenmütze.
Die Abendmahlstracht war überwiegend in Schwarz und Weiß gehalten. Eine Besonderheit bildete jedoch die blaue Mütze, die in den Trachten aus
Bückeburg, Frille und Holtrup überliefert ist. Die Schürzen waren ursprünglich weiß; nach der Heirat trugen die Frauen stattdessen schwarze
Schürzen. Über das genaue Erscheinungsbild der Abendmahlstracht vor dem Jahr 1860 ist nur wenig bekannt. Ein möglicher Grund für die
lückenhafte Überlieferung liegt darin, dass viele Menschen in ihrer Abendmahlstracht bestattet wurden – wodurch die Informationen über diese
Kleidung buchstäblich mit ihnen begraben wurden.
Das Institut für Materielle Kultur
Das Institut für Materielle Kultur ist an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg angesiedelt. Die Beschäftigung mit Textilien und ihrer
Herstellung, Nutzung und Vermittlung spielt in allen Studiengängen eine wichtige Rolle. Während im Bachelor Materielle Kultur: Textil Techniken wie
Stricken, Nähen oder Filzen ganz praktisch erlernt werden, geht es im Master Museum und Ausstellung eher um Ausstellen und Vermitteln von
Textilien im Museum. Außerdem werden am Institut auch Lehrkräfte für das Schulfach Textiles Gestalten ausgebildet.
Das Team am Institut für Materielle Kultur ist fachlich breit aufgestellt: Vom Chemiker über eine Mode- und Textildesignerin bis hin zu Lehrenden
aus Kunstgeschichte, Medienwissenschaft und Ethnologie. Auch Schneiderinnen, Fotografinnen und sogar ein Provenienzforscher bringen ihre
Expertise in die Studiengänge ein. Forschung und Lehre findet nicht nur im Seminarraum statt, sondern auch in Werkstätten oder sogar im Labor.
Außerdem gibt es Kooperationen mit zahlreichen Schulen und Museen. Dadurch ist die Ausbildung der Studierenden sehr abwechslungsreich und
praxisorientiert.
Das Institut für Materielle Kultur verfügt außerdem über eine eigene Lehrsammlung, die Sammlung Textile Alltagskultur. Hier werden nicht nur
Kleidung, Accessoires und weitere Textilien gesammelt, sondern immer auch die Geschichten hinter den Objekten. Wer hat die Objekte hergestellt,
wie wurden sie genutzt, welche besonderen Merkmale haben sie? Solche und ähnliche Fragen werden in sogenannten Objektbiografien
zusammengestellt und bilden den Ausgangspunkt für vielfältige Lehre und Forschung mit der Sammlung und ihren Objekten.
Tracht on Display!
Im Wintersemester 2024/2025 fand am Institut für Materielle Kultur das Seminar Tracht on Display! statt. Es war Teil der Kooperation des Instituts
mit dem Museum Bückeburg im Rahmen des Forschungsprojekts Frühe Schaumburger Tracht: Ein eigener Modekosmos. Im Fokus stand einerseits die
Frage nach Transkulturalität: Tracht gibt es nicht nur im schaumburg-lippischen Raum, sondern weltweit. Welche überregionalen Gemeinsamkeiten
und Unterschiede gibt es? Andererseits wurden auch die historischen Objekte selbst untersucht. Welche Tragespuren lassen sich finden, welche
Materialien wurden verwendet und wie wurde Tracht überhaupt hergestellt?
Für das Seminar stellte das Museum 15 historische Originale zur Verfügung. Die Studierenden hatten die Aufgabe, in Tandems zu einem Objekt
entweder ein Ausstellungskonzept oder eine Vermittlungsidee zu entwickeln. Die Tandems bestanden aus je einer Person aus dem Master Museum
und Ausstellung und einer Person aus dem Bachelor Materielle Kultur: Textil (teils mit Lehramtsorientierung). Dadurch ergänzten sich die Expertisen
der Studierenden im Bereich Museums- und Ausstellungsarbeit und im Bereich textiler Techniken und ihrer Vermittlung. Im Zentrum der Projekte
stand die Frage danach, wie historische Tracht auch heute noch anschaulich vermittelt werden kann.
Diese Sektion zeigt unterschiedliche Ergebnisse aus dem Seminar. Die Kleidungsstücke aus Mexiko verdeutlichen, dass Tracht auch in anderen
Ländern nach wie vor zu besonderen Anlässen oder an Feiertagen getragen wird. Die Videoarbeit widmet sich historischen Sticktechniken und
zeigt, wie viel Zeit und Mühe in der Anfertigung von Tracht steckt. Das Magazin präsentiert alle 15 Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte, die von
den Studierenden entwickelt wurden. Es verdeutlicht, dass historische Tracht auch heute noch spannend ist und sich mit vielen aktuellen Fragen
verknüpfen lässt.
IMPRESSUM
Museum Bückeburg
Dr. Anke Twachtmann-Schlichter
Texte
Nadine Werel
Dr. Klara von Lindern
Gwendolyn Wördenweber
Gestaltung
hgb - Homann, Güner, Blum – Visuelle Kommunikation und Gestaltung
In Zusammenarbeit mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Institut für Materielle Kultur
Wir danken den Förderern
Für die gute Zusammenarbeit bedanken wir uns herzlich bei Dr. Klara von Lindern und Prof. Dr. Stefanie Samida.
Für die Malerarbeiten danken wir Herrn Malermeister Andreas Lüders ganz herzlich!